Der Kampf um Tomolon

Frei nach Cervantes

Don Wolfote, Ritter Von Der Kleinen Gestalt, war mit seinem Tross schon einen Tag und eine Nacht geritten, und lagerte nun am Feldrain. Er hockte unter einer Linde und kaute müde und übernächtig an einem Strohhalm, doch sein Pferdchen Susinante stupste ihn an, denn sie mahnte wieder zum Aufbruch Don Wolfote lächelte und erhob sich. Dann schlug er zärtlich auf Susinantes Flanke, streichelte über ihre Nüstern, saß auf und stürmte weiter zum nächsten Rastplatz.

Dort angekommen, weidete Susinante nun gemächlich etwas Luzerne, eine feine köstliche Kleesorte, und Peterantes, Don Wolfotes Diener, vom Geschlecht der Herren Zum Blauen Schal, polierte die Klingen der Säbel, reinigte die Blutrillen der Lanzen von den Spuren des vergangenen Kampfes, bog die Schilde wieder aus, und flüsterte manchmal …hee! …das ist fein! …wau! …das ist scharf! …und lud die Vorderlader nach, um die Gerätschaften für das bevorstehende Gefecht vorzubereiten.

Seit sie von ihrer Burg Hochobergscheidlingshausen mit dem Auftrag aufbrachen, auf schnellstem Wege nach Tomolon zu reiten, um ein als Windmühle getarntes Atomkraftwerk zu verhindern, oder zumindest dessen sicheren Betrieb vertraglich einzufordern, waren sie erschöpft von den Strapazen der Reiterei, und so legten sie manchmal eine kleine Pause ein. Man wollte ja halbwegs ausgeruht ankommen, denn es fand dort in der Nähe, auf der Burg Hochwahnsinnskron, auch noch ein Karrenausdemdreckziehen statt.

Don Wolfote hatte den Auftrag, auf Drängen von Don Alfredo, Ritter Des Roten Orakels, daran unbedingt teilzunehmen, und er möge ja siegreich auf Burg Hochobergscheidlingshausen zurückkehren, und nicht als Verlierer, um als Feigling seinem Ruf als Ritter Von Der Kleinen Gestalt zum Ruhme zu gereichen.

Sein Diener, Peterantes, war gerade mit seinen Arbeiten fertig, als auch schon Don Wolfote zum Aufbruch mahnte. Peterantes maulte wirres Zeug vor sich hin, so wie es eben seine Art war, doch Don Wolfote hörte ihm nicht zu, sondern pfiff sein stolzes Pferdchen zu sich, saß auf und rief: „Wüa Susinante…! Dann ermahnte er, wie schon so oft, seinen etwas widerspenstigen Diener: „Die Zeit drängt, Peterantes…!

Seid Ihr endlich fertig mit eurer Klimperei? Wir müssen weiter, Ihr wisst ja, wir haben nicht ewig Zeit. Beim versteinerten Gesicht von Eminenz Klestiliantes…! …wann werdet Ihr endlich einmal selbstständig. Ich will Euch nicht immer alles vorsagen müssen“, schimpfte Don Wolfote. Peterantes stopfte eilig sein Zeug in die Satteltaschen und antwortete: „Ich bin schon fertig, edler Herr, aber ich möchte nicht, dass Ihr in solchem Ton mit mir sprecht. Ich bin zwar Ihr ergebener Diener, aber doch etwas Besseres als das gemeine Volk. Schließlich stamme ich vom Geschlecht der Herren Zum Blauen Schal ab, und  ein Onkel meiner Mutter ist immerhin der großmütige Herzog von Hochostergurk“. Dann preschte Don Wolfote auf seiner Susinante davon und Peterantes gab sein Bestes, um mit ihnen mitzuhalten.

Plötzlich stockte Susinantes Galopp. Sie schnaubte wild, ihr graublaues Fell war feucht vom Schweiß, und Don Wolfote hatte sichtlich Mühe, sich im Sattel zu halten. Er war ein wenig eingenickt gewesen, und stammelte: „Was…? warum..? wo sind...? sind wir schon da?“ „Ja, Herr, es ist so weit“, rief Peterantes, hier habt ihr einen Degen und einen Vorderlader, eine Lanze und ein Schild, und nun kämpft für unser Volk“. „Und gewinnt“, spornte auch Susinante ihren Herrn an. „Was…? …diese erbärmliche Windmühle da? Ja wenn es weiter nichts ist! Die werden wir gleich haben. Das ist doch wirklich ein Kinderspiel. Wegen so einer alten Klappermühle sind wir so weit geritten? Himmelfixlaudern! Dass ich nicht lache…! Dann nahm er die vorbereiteten Waffen, gab Susinante die Sporen und stürmte mit einem lauten - Nieder mit Tomolon! - auf die Windmühle zu.

Er dacht sich, natürlich ist das ein Atomkraftwerk, wenn ich mir das so recht überlege, aber, wenn ich immer alles glaube, nur weil ich es sehe, kann ich die Meinung der anderen nicht beeinflussen. Wenn ich das Volk überzeugen will, so muss ich mich selber durch Täuschung über die Dinge stellen. Er kam immer näher, derweil er das alles dachte.

Als er schon ganz nahe war, schloss er kurz die Augen und murmelte: Kreuzbirnbaumhollerstauden! das ist aber eine vermaledeite Windmühle, ich werde ihr zuvorderst das Dach einschlagen, und dann die Windräder mit meinem Schwert kappen. Ich werde sie in Stücke reißen. Dann werde ich ihr…“

Weiter kam Don Wolfote nicht mehr. Er wurde von gigantischer Ablehnung aus Stahlbeton und Großtuerei empfangen, dass ihm die Luft wegblieb. Peterantes, das Schauspiel von der Ferne aus beobachtend, schloss die Augen, und wandte seinen Blick ab. Don Wolfote trieb Susinante an, bis sie keuchte. Ringsum war alles schlagartig von bitterer Kälte umgeben und der Boden unter Susinantes Hufen mit Glatteis überzogen. Don Wolfote suchte die Windräder der Mühle, aber er konnte nichts sehen.

Susinante torkelte.

Er stach mit der Lanze auf ein Gemäuer, die Lanze brach ab. Eisbrocken der Verblendung fielen auf Reiter und Pferd herunter, der Kampschild zersprang, als wäre er aus Glas. Susinante zitterte. Don Wolfote zündete den Vorderlader, doch seine Finger waren augenblicklich klamm vor Kälte und er war nicht im Stande, mit den Feuersteinen das Pulver anzufachen. Ein eiskalter Wind biss von seinem Gesicht ab, der Degen hatte sich durch die Kälte zu einer Spirale verbogen und war unbrauchbar geworden.

Don Wolfote klammerte sich an jeden Strohalm doch diese zerbröselten ihm durch die Kälte und wurde sogleich vom Nordwind verweht. Mit letzter Kraft konnten sie sich schlussendlich zurück in den Wald retten, wo Peterantes, hinter einem Felsen kauernd, wartete. Susinante keuchte vor Anstrengung, aber Don Wolfote lachte und rief: Kreuzsackaramentsacklzement…! War das ein Gefecht. Denen haben wir es aber gezeigt, was? Die haben sich vor Angst fast in die Hosen gemacht, Peterantes. Habt Ihr das gesehen? Der Kampf war bestimmt eine Augenweide für Euch!“

Dann befahl er: Aufsitzen Peterantes, wir werden sogleich auf Burg Hochwahnsinnskron reiten, und den Karren der frommen Wünsche aus dem Dreck ziehen, wenn wir schon da sind, und uns das Glück so hold ist. Nach einem halben Tagesritt kamen sie auf Hochwahnsinnskron an. Viele Ritter und Edelleute waren da, und Don Wolfote sah den Karren, der bis über die Radnabe im Dreck der Sturheit steckte. Er spannte Susinante davor. Dann schob er und Peterantes kräftig nach, doch der Karren der frommen Wünsche bewegte sich nicht.

Ein ignoranter Minister rief: „Ihr müsst was abladen, es sind zu viele Forderungen, Bedingungen und Betteleien auf dem Karren. So wird das nie etwas!“ Don Wolfote zerrte gleich einige Pakete vom Karren und wollte sie unter den Büschen der Verwirrung verstecken. Susinante stubste sie wieder mit ihren Hufen auf den Karren hinauf, und wieherte: „Nichts abladen, Herr! Zumindest nicht, wenn uns Leute zuschauen. „Dann warf Peterantes einige Truhen der Ladung in den Schmutz des Hochmutes der Burgherren von Hochwahnsinnskron, doch Don Wolfote lud diese schweren Truhen wieder auf, und rief:

„Seid Ihr von Sinnen, Peterantes. Nichts wird abgeladen. Hüa Susinante!“ Aber der Karren bewegte sich nicht. Stundenlang ging das so dahin. Don Wolfote war in seinem Element, so zu tun als ob - obwohl er längst in seinem Inneren erkannt hatte, dass ohne fremde Hilfe der Karren der frommen Wünsche nicht mehr aus dem Morast der Arroganz und Arglist zu holen ist. Je länger sie fuhrwerkten, umso schwerer wurde die Ladung des Karrens, und umso tiefer versank er im Sumpf der Tücke und Verschlagenheit. Schlussendlich resignierend über die Verbohrtheit der Burgherren auf Hochwahnsinnskron, nach stundenlangen Verhandlungen und unzähligen Versuchen, mussten sie sich fürs Erste geschlagen geben.

„Jetzt ist alles aus“, murmelte Peterantes. „Nun bleibt nur mehr ein Veto, um die Burgherren zur Besinnung zu bringen“. „Jawohl!“ wieherte Susinante heiser.

“Nur über meine Leiche“, rief Don Wolfote. Lasst ihnen doch diese verfluchte Windmühle, wenn sie eine solche Freude damit haben. Wir sagen einfach daheim auf Burg Hochobergscheidlingshausen zu unseren Untertanen, dass unsere Freunde auf Hochwahnsinnskron das Recht haben, so viele Windmühlen zu haben, wie sie glauben, dass sie brauchen werden. Und dass sie mit diesen Windmühlen auch mit Hilfe der Atomtechnik Atomstrom erzeugen dürfen. Glaubt mir, der Plan wird klappen, weil das gewöhnliche Volk sowieso immer alles glaubt, wenn man es ihnen nur oft genug vorsagt. Außerdem können wir ja zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal einen Vorstoß versuchen“.

Als dies gesagt war, sind alle drei, an Ort und Stelle, obwohl sie schon die längste Zeit am Boden lagen, selbst noch im Liegen, zur gleichen Zeit umgefallen. Einer gab dem anderen die Schuld am Umfallen, am abweichen des angestrebten Zieles, und behauptete, der eine hätte dem anderen absichtlich ein Bein gestellt, damit er umgefallen wäre. Man stritt sich dann noch lange, wegen des Umfallers, und die drei Helden wussten haargenau, dass es ein Solcher war, aber dann rauften sie sich doch wieder zusammen, und sie nannten es Konsens, Kompromiss. Peterantes meinte, Übereinkunft wäre das rechte Wort dafür, und dann ritten sie schweigend und müde nach Hause in Richtung Hochobergscheidlingshausen.

Don Wolfote lächelte insgeheim, Susinante stampfte und schnaubte zornig. Peterantes kochte vor Wut über die Gelassenheit und Gleichgültigkeit seines Herren.

Doch Don Wolfote, Ritter Von Der Kleinen Gestalt, träumte schon wieder von neuen Abenteuern, und hörte nicht die verzweifelten Klagen der Untertanen, sondern deutete sie als Lobpreisungen und Huldigungen seiner kühnen Taten. Immer wieder sagte er sich laut vor: „Dulieberhimmel! Don Wolfote, du erfolgreicher Ritter Von Der Kleinen Gestalt. Du siehst doch nur das, was du dir einbildest, zu sehen, und das ist gut für dich. Das macht dich unbesiegbar, denn keiner ist so wie du. Du bist ein Held“.

joschi, 2002