Vater unser

Eine Allegorie

Jedes Wesen ist gesundheitlichen Schwankungen unterworfen und sei es noch so robust gebaut und widerstandsfähig. Daher nützt es auch wenig, wenn das Immunsystem in jungen Jahren gut trainiert wurde und durch das Erleben von allerlei Kinderkrankheiten viele Abwehrstoffe gebildet werden konnten.

Wenn ein Organismus durch die ihn beherrschende Klasse, wie ein von Bakterien und Viren ausgezehrter Körper, geschwächt wird, dadurch immer wieder leidet, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis der fortschreitende Verfall augenfällig wird und sich Krankheiten ausbilden, welche auch einer robusten Konstitution gefährlich zusetzen können, so dass das betroffene System immer mehr geschwächt wird, bis es ein Kollaps in die Knie zwingt, oder ein Infarkt niederwirft.

So ergeht es auch unserem lieben Herrn Vater Staat, welcher uns durch seine rosa Brille anschaut und Heimat und Geborgenheit verspricht. Er gaukelt uns menschenwürdige Arbeitsplätze vor und verspricht uns obendrein Sicherheit und Wohlergehen. Er verheißt uns auch eine leistbare Gesundheitsvorsorge, gelobt, sich seit der Gfrisa Studie besser um die Ausbildung der Kinder zu sorgen und lässt uns glauben, dass wir sogar dereinst unserer Altersversorgung sicher sein können.

Nun mehren sich aber Symptome, folglich der Gesundheitszustand unseres Herrn Vater Staat Grund zur Besorgnis Anlass gibt. Es wird gemunkelt, der alte Herr leide an Multikomplexeigenlobhypertonie, vom Volksmund auch Blablaismus genannt. Andere Stimmen glauben, es handle sich um ein so genanntes Gewissenlos-Syndrom, andere Meinungen behaupten, unser Herr Vater Staat leide unheilbar an Schlitzohrphrenie.

Zwar bemühen sich eine Unzahl von Spezialisten und deren Assistenten und Berater um seine Gebrechen, aber reihum fehlt es an rasch und nachhaltig wirksamen Medikamenten und Behandlungsmethoden, um die seit vielen Jahren bekannten Verschleißerscheinungen zu mildern und den durch Raubbau geschwächten Körper substantiell zu stabilisieren und den Verfall einzudämmen.

Professor Schrottan, der Leibarzt des Herrn Vater Staat, wacht Tag und Nacht über die auftretenden Komplikationen des Alten und ist auf Abruf bereit und sofort zur Stelle, sollten bei ihm plötzlich, wie schon so oft in der Vergangenheit, in anfallsartigen Attacken, verursacht durch eine chronische Schröpfitis, der Heißhunger auf Steuern akut werden.

Ist der Herr Medizinalrat manchmal im Rohen Haus durch das chronische Auftreten von Suderkulose unabkömmlich, oder er hat sich selber an einer ansteckenden Infektion, etwa an Lallaria, infiziert, sind unverzüglich auch an alle Anwesenden im Rohen Haus Schluckimpfungen zu verabreichen. Ist dies der Fall, so treten einer oder mehrere Stellvertreter von Medizinalrat Schrottan in Erscheinung, um ihm in seiner schwierigen Aufgabe beizustehen und effiziente Behandlungsmethoden zu finden. Ferner sind sie auch bemüht, unserem Patienten zu helfen und unseren lieben Herrn Vater Staat zu betreuen und zu pflegen, oder an seinem Krankenlager Wache zu halten.

Hier wären zuvorderst Herr Primarius Zores zu nennen, seines Zeichens ein anerkannter Spezialist für Erklärungsneurosen und Schnorruption. Weiters stehen Frau Professor Zwicktsmy und Frau Dozent Dr. Bobschy bereit. Professor Zwicktsmy ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Behandlung von Deppilepsie und Dummbago und Dozent Dr. Bobschy ist eine weltweit gefragte Spezialistin für Eurodermitis, Neppilepsie und Soziale Impotenz.

Täglich untersuchen diese herausragenden Ärzte unseren Herrn Vater Staat gründlich und diskutieren und fachsimpeln mit ihren Beratern über sein momentanes Befinden. Sie führen penibel darüber Protokoll, welche Krankheiten ihn quälen und sind sich in Diagnose und Therapie oft nicht einig.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Spezialisten selber manchmal rätseln, was dem Alten fehlt, denn die Liste seiner Leiden ist lang und die Symptome nicht immer als solche treffsicher zu diagnostizieren. Dem entsprechend dramatisch verlaufen manchmal notwendige Eingriffe. So wurde unlängst beim Patienten vom jungen selbsternannten Gierurgen Dr. Grassablanca ein komplexes Schuldenkarzinom prognostiziert. Bei genauerer Untersuchung hatte der Arzt tatsächlich gleich mehrere bösartige Defizitgeschwüre diagnostiziert.

Würde die Krankheit nicht behandelt, welches nicht ohne schmerzhafte Eingriffe vonstatten gehen werde, könnte sie ein hemmungsloses Defizitwachstum auslösen, wobei er zugleich festgestellt hatte, dass jetzt schon akute Gefahr zur Bildung von unkontrolliert ausbreitenden Darlehenwucherungen, von so genannten Moneytastasen, vorliegt.

Man fand auch schnell die Ursache dieser gefährlichen Krankheit, welche auch Budgetschwindel genannt wird. Dr. Grassablanca dozierte, sie sei in einer Jahrzehnte langen und nie therapierten Schuldensucht unseres Herrn Vater Staat zu suchen, daher auch die Symtomatik eines permanent quälenden Heißhungers auf Steuern und Abgaben.

Herr Primarius Zores, anerkannter Spezialist für Erklärungsneurosen und Schnorruption, meinte hingegen, dass unser liebenswerter Herr Vater Staat an mehreren Erbkrankheiten laboriere. Man nahm bisher an, so ein Umstand sei einfach undenkbar und stellte daher bisher keine Untersuchungen an.

Aber die Symptome sind eindeutig, und weisen auf eine Reihe von schweren Leiden hin, die sich erblich bedingt in den Gähnen von Regierung zu Regierung fortpflanzten und nun immer dominanter ausgeprägt in Erscheinung träten.

Seiner Meinung nach handelt es sich dabei um hartnäckige Formen von Lügräne, Schnorreliose, Prellulitis und Prunksucht. Dies seien die vier verschiedenen Hauptausprägungen von Großkopfzyklothonie, auch Größenwahn genannt. Diese Krankheiten sind leider immer schwerer zu therapieren, geschweige den langfristig zu heilen, je massiver ihre Ausprägung ist, da eine weltweite Resistenz gegen das Antibiotikum Moralin vorliegt und neue wirksame Medikamente bis jetzt nicht bekannt sind.

Auch mehren sich massive Symptome von Arrogantis und Starzwangsneurose, vom Volksmund auch Großmannssucht genannt, und einer immer speziell vor anstehenden Wahlterminen heftig akut werdenden Mitleidskrisis, welche unseren lieben Herrn Vater Staat zu immer wieder kehrenden Zwangshandlungen nötigt.

Diese sind sehr belastend und arbeitsintensiv für das allgemeine Umfeld des Patienten, da sind sich Herr Primarius Zores, Frau Professor Zwicktsmy und Frau Dozent Dr. Bobschy ausnahmsweise einig. Meistens werden diese Zwangshandlungen vom Patienten hartnäckig geleugnet, welche aber wahrscheinlich von einer jahrelang unbehandelten Spinitusreizung herrühren, dieser Umstand ändert jedoch nichts an der Realität der Symptomatik.

Die häufigsten Zwangshandlungen sind permanentes Handaufhalten, Businesitis, Prositoporose und Ökonomiefieber. In Schüben treten auch zwanghaftes Abkassieren und Pareienschwindel auf, weiters wurde vereinzelt Schastritis beobachtet, welche die genannten Zwangshandlungen beschleunigt und den Frustkatarrh beim Volk verstärkt, so dass schon seit langem von einer landesweiten Epidemie ausgegangen werden kann.

Moderne Medikamente helfen nur bedingt, denn natürliche Gegenmittel sind bereits in Vergessenheit geraten. In alten Zeiten waren wenigstens noch ab und zu ein paar Ampullen Mahnostol oder Toleranzistin für dringenden Handlungsbedarf vorrätig. Weiters hatte man immer Korrektoplast, eine Art Heilpflaster in der Hausapotheke unseres lieben Herrn Vater Staat.

Stattdessen gibt es heute jede Menge Generika, mit zum Teil verheerenden Nebenwirkungen. Zuvorderst wären da Purbledicin, Sturlecitin und Promillosan zu nennen. Bei Gleichgewichtstörungen werden auch gerne Pflutschtabletten verschrieben, diese behandeln aber nicht die Ursache der Störung, sondern mildern nur die Symptome, welche beim Sprechen auftreten können.

Professor Schrottan kam nach einer schweren Börsenkolik aus dem Rohen Haus zurück. Er hatte alle Hände voll zu tun und verabreichte dem bewusstlosen Herrn Vater Staat sämtliche zur Verfügung stehenden Geldspritzen, um seinen Kreislauf zu stabilisieren. Weiters ließ er anordnen, dass endlich die lästigen Fladermäuse aus dem Rohen Haus für immer verscheucht werden sollten.

Nachdem er noch eiligst die Immunität des selbsternannten und sehr ehrgeizigen Gierurgen Dr. Grassablanca gegen Chronische Privilegienitis mit einer Investmentösen Infusion behandelt hatte, nachdem er bei diesem eine irreparable Sparanoia erkannte und nachdem er kein Gegenmittel gegen Surmsausen gefunden hatte, trat der Professor vor die versammelten Journalisten einer eiligst einberufenen Pressekonferenz.

Mit ernster Stimme berichtete Professor Schrottan über die zahlreichen Therapieansätze, welche unseren Herrn Vater Staat wieder zu mehr gesundheitlicher Stabilität und Lebensqualität verhelfen sollen. Er ersuchte, den Ernst der Lage nicht zu bagatellisieren und bat alle Anwesenden, für den lieben Herrn Vater Staat zu beten. Vielleicht hilft das und es geschieht ein Wunder.

Und so beteten alle Anwesenden im Rohen Haus:

Vater unser, im Machthimmel, der du auf dem Amtsschimmel einher reitest, gelobt sind deine Steuern, deine Pfründe kommen und dein Privilegien erblühen, zuerst in Brüssel und dann bei uns. Unsere täglichen Spesen gib uns heute, und vergib uns unsere Arroganz, wenn wir auf unsere Untertanen vergessen. Und führe uns immer wieder in Versuchung und erlöse uns von unseren geleisteten Wahlversprechen. In Euros Namen Amen.

Und noch ein Gegrüßet seist du Marie:

Gegrüßet seist du Marie, voller Renditen, den wir sind mit dir. Du bist gebenedeit unter den Konzernen und gebenedeit sind die Marktwirtschaft und die Gewinne. Heiliges Kapital, bitte für unsere Märkte, jetzt und in der Stunde unseres Konkurses. Im Namen der Geschäfte, der Profite, der Wirtschaft und des Wachstums, in Ewigkeit Amen.

Dann gingen die Ärzte und Schwestern wieder ihren pflegerischen Tätigkeiten nach und setzten unserem lieben Herrn Vater Staat eine Dauerinfusion zur Verbreitung von Europhorie. Die deprimierten Anwesenden, nicht wenige weinten still vor sich hin, verließen den Saal und gelobten, den kritischen Gesundheitszustand unseres Herrn Vater Staat, draußen den verzweifelten Menschen, schonend beizubringen.

joschi, 2005