Dablju

Eine Parabel

Auf der Strasse begegneten die Friedenstaube Kofi und der kleine Glückskäfer Dada dem Vielfraß Dablju. Dieser war sehr beschäftigt, denn er war immer auf der Suche nach Nahrung, egal nach was und wem. Er suchte immer ständig neue Dinge und Herausforderungen, Habgieriges und Finanzielles, Bedrohliches und Mächtiges. Er reiste viel und war schon bei den unmöglichsten Gesellen zu Besuch und er fraß alles, was sich zu nahe an sein gefräßiges Maul wagte.

Der Glückskäfer Dada roch den Vielfraß und kroch geschwind vor ihm in den Sand des Wahlurnenwaldes, und die Friedenstaube Kofi flog bei dessen Anblick vor Angst auf das saftig grüne undurchsichtige Blätterdach der Stimmzettelbäume. Der Vielfraß Dablju rief:

„Warum versteckt ihr euch vor mir? Ich tue niemandem etwas, und ihr seid lauter ehrliche und tüchtige Wesen, ihr gehört zu den Anständigen, gerade ihr braucht doch vor mir keine Angst zu haben. Ich bin friedlich, ihr seid meine Freunde und ich möchte gerne euer Freund sein. Ich kann viel für euch tun, wenn ihr auf meiner Seite seid. Na wo soll es den hingehen, ihr zwei kleinen Genossen?“ frug Dablju.

„Wir suchen das Paradies auf Erden“, sagte der kleine Glückskäfer, wo Ölquellen fließen, Brotbäume wachsen und die Geldberge stehen“.

„Ja das ist aber ein Zufall“, rief Dablju, „nach dorthin bin ich auch unterwegs. Ihr braucht mir nur zu folgen, ich weiß nämlich wo die großen Wünsche verborgen sind. Ich weiß im Gegensatz zu euch beiden genau, wo dieses Land liegt. Es liegt in der Weite der Welt, und ihr könnt, wenn ihr zu mir steht, gleich mitkommen, ich bin nämlich auf den Pfad dorthin!“

Und der Vielfraß schnappte sich einen Friedensaktivisten und fraß ihn auf der Stelle mit Augen und Ohren und Gedärmen. Dann verschlang er einen Kandidaten für das Präsidentenamt und zum Dessert noch einen Journalisten, welcher abfällig über ihn berichtet hatte, weil der Arme, Dablju, öffentlich bezichtigte, ein schlimmer Vielfraß zu sein. Das mochte Dablju das überhaupt nicht, wenn jemand Anderes dachte als er, und eine andere Wahrheit kundtat als die seine, und er pflegte so jemanden, egal wer es auch sein mochte, ohne zu zögern, zu fressen.

Er lächelte dabei so spitzbübisch keck, dass ihm die meisten Geschöpfe sein Laster verziehen. Es ging sogar mit der Zeit so weit, dass Wetten darüber abgeschlossen wurden, wen der Vielfraß wohl als Nächstes verschlänge, und ob er sich nicht doch einmal überfräße, oder selbst an einem großen Brocken zu Schaden käme und gar am Ende dadurch stürbe. Dann sind der kleine Glückskäfer Dada und die Friedenstaube Kofi mit Dablju über das Meer der Macht zu den Drahtziehern aufgebrochen. Sie reisten mit den Schiffen und Flugzeugen der Geldgeber, und als sie dort ankamen, fraß Dablju, er war von der langen Reise schier am Verhungern, einige Ölquellen. Dann besetzte er einfach ein Land und lauerte ahnungslosen Menschen auf. Dann verfolgte er einen Diktator, dabei kam ihm jedes Mittel recht und er kannte kein Erbarmen. Er fraß so schnell, dass es dem gemeinen Volk zu spät auffiel, als plötzlich die Freiheit nicht mehr da war und nichts mehr so war und werden würde, wie je zuvor.

Er hatte die Freiheit mit seinen Füßen getreten. Und ein Schlag, und die Arme stürzte mausetot in den Staub. Viele waren geblendet von Dabljus selbstbewussten Auftreten, und wie er bei jedem Lächeln die Zähne zeigte, und wie sein dickes Fell schimmerte. Er hatte einen Appetit auf alles, nicht nur auf jene, die Jagd auf ihn machten, sondern er war nicht im Geringsten wählerisch. Er fraß auch seine eigenen Artgenossen mit Genuss und machte kein Hehl über sein Laster.

Der Vielfraß Dablju war ein Allesfresser. Er bewohnte die großen Ländereien westlich der Teiche. Wenn der Vielfraß gerade nicht auf seinen ausgedehnten Jagden unterwegs war, um das vollkommene Jagdglück zu suchen, entwarf er die nächste Jagd. Er saß in seinem Jagdzimmer und sann nach neuen Jagdgründen. Dablju hatte in seinem Bau einen riesengroßen Tisch, an dem er tafelte. An der Wand hingen unzählige Trophäen seines Jagdglücks, fein säuberlich beschriftet mit Datum und Jagdgebiet, und jeder der zu ihm kam, dem zeigte er voll Stolz seine gigantische Waffensammlung. Er hatte Berge von Ködern und Fallen vor sich liegen, und er bekam ständig Hinweise, wenn wo fette Beute zu machen sei. Die Würmer und Köderfische an seinen Angeln wanden sich im Fluss der Zeit, und er fischte und jagte und musste immer den größten Bissen für sich haben.

„Ich bin ein Vielfraß“ rief Dablju von Zeit zu Zeit aus, „und ich möchte einmal alles gekostet haben, was es auf dieser Welt zu kosten und zu fressen gibt“. „Das verstehen wir nicht!“ riefen die Friedenstaube Kofi und der Glückskäfer Dada wie aus einem Mund. „Doch du bist alt genug. Du solltest, möchte man meinen, selber wissen was du tust“, ermahnte ihn der Glückskäfer. „Jedoch, wundern darfst du dich dann nicht. Denn wenn du dein Glück zu sehr strapazierst, wird es sich bald abwenden von dir, weil jedes Wesen dieser Welt hat nur eine bestimmte Menge an Glück vorrätig und hast du dein Quantum verbraucht ist es Schluss mit lustig und es kommen auch für dich andere Zeiten“.

Solche Worte sollte man zu Dablju nicht sagen, denn er wollte den kleinen Glückskäfer Dada und auch die scheue Friedenstaube Kofi sogleich und auf der Stelle fressen. Die Beiden retteten sich aber geschwind. Dada verkroch sich spornstreichs wieder im Sand der Wahlurnenwälder und die Friedenstaube Kofi flog rasch aufs Blätterdach der Stimmzettelbäume. „Das werdet ihr mir büßen!“ schrie Dablju, und der Zeitgeist trug sein Geschrei in Windeseile um die ganze Welt, und vor lauter Zorn fraß Dablju gleich mehrere Städte. „He Dablju!“ gurrte die Friedenstaube Kofi vom Blätterdach herunter.

„Ich dachte mir, du wolltest uns ein schönes blühendes Land zeigen? Derweil frisst du alles auf und hinterlässt nur Elend, Tränen und Leid und eine unendliche Ödnis.“ Und der Vielfraß Dablju schrie vor Gefräßigkeit und Gier, dass es im ganzen Land zu hören war. Er war von Sinnen geworden und rief mit glühenden Augen:

„Wo ist das Paradies! Ich bin der kluge und viel beschäftigte Vielfraß Dablju, der alles weiß und zu allem fähig ist. Ich wollte euch nur helfen, die Welt von den Drahtziehern zu befreien“. Und er lief, glühend vor Zorn, auf die Strasse hinaus. Als er wieder zurückkam, fraß er die Hoffnung. Dann fuhr er mit seinen Flugzeugträgern und Kriegstrossen über das Meer des Hasses und stimmte die Welt auf Kampf ein. Dann plünderte er das Nest der Friedenstaube, fraß deren junge Vögel und legte die Eier der Angst und der Feindschaft zwischen die Kulturen der alten und neuen Welt, so dass Kriegstage über Millionen Menschen hereinbrachen und der Hauch des Todes seinen tödlichen Gestank verbreitete.

Endlich sage ein Friedenstifter zu ihm: „Mein armer Dablju, hast du die Orientierung verloren? Wenn du deine Wünsche und das Paradies suchst, dann musst du weiterziehen. Du kannst nicht bleiben, denn hier sind deine Wünsche nicht. Hier ist die Zufriedenheit, mein getriebener Dablju. Du musst nach der Ferne wandern, von einem Wald zum anderen über Berg und Tal durch Tag und Nacht und Licht und Schatten.

Die Ferne ist dein Morgen und dein Übermorgen, sie ist dein Vielleicht, dein Vermutlich und dein Eventuell, denn merke dir, die Wünsche sind immer gerade dort, wo du momentan nicht bist. Sie sind dir immer ein gutes Stück voraus und du musst dich beeilen, wenn du ihnen folgen willst. Wünsche in der Ferne gäbe es unendlich viele und wenn du wartest, bis du die Orientierung gänzlich verloren hast, ist es zu spät und du wirst nie Sättigung finden, wenn du selber kein Friedenskorn säst“.

„Du hast Recht“ murmelte Dablju. „Ich bin ja viel zu beschäftigt, um mich mit solch primitiven Geschöpfen herumzuschlagen. Ich bin auf der Suche nach dem Paradies in der Ferne, und nach dem Öl der Weisheit. Ich werde finden, was ich suche und mir nehmen was ich brauche und wenn es auch mit Gewalt ist!“

Dann war er fort. „Endlich“, jubelten die Friedenstaube Kofi und der Glückskäfer Dada. „So ein falsches verfressenes Monster war lange nicht mehr in unserer Gegend“. „Ja“ murmelte der Friedenstifter. „Vielfraße sind absolut eigenartig, gleichgültig ob sie ein schwarzes, oder ein weißes Fell haben. Es gibt nämlich viele Gattungen dieser Böslinge, und sie sind auf Grund ihrer Anpassungsfähigkeit auf der ganzen weiten Welt anzutreffen.

Also seht euch vor und seid wachsam. Sie sind nur sehr schwer im Gebüsch auszumachen und ihr werdet sie nur an dem was sie sind und was sie nicht sind, erkennen, an dem was sie nehmen und was sie nicht nehmen, begreifen, an dem was sie glauben und an das was sie nicht glauben, durchschauen, und an dem was sie geben und was sie nicht geben, unterscheiden können“.

joschi 2004