Die Gartenwiege

Eine Parabel

In meiner Jugendzeit lief ich über den Klee der Hoffnung und über das Moos der Träume und war auf der Suche nach etwas Bestimmtem, welches ich aber nicht wusste wie es beschaffen sein soll. Ich suchte überall. Schwamm und tauchte in den Bächen und Flüssen der Musik danach, grub in den Äckern der Arbeit und wühlte in den Trugbildern der Wünsche nach ihm. In jedem Gasthaus ließ ich mich nieder um danach zu stöbern und trank und wartete, dass es sich mir offenbaren würde. Doch nichts geschah, sondern die Tage vergingen und ich wurde immer trauriger.

Als ich schon ganz traurig war, traf ich ein Mädchen, welches fröhlich singend des Weges kam, und ich wunderte mich, dass man nur so frohen Mutes sein konnte, wo doch alles so hoffnungslos schien. Weil ihre Heiterkeit ansteckend war, zog es mich zu ihr und ich ging mit ihr auf der Strasse des Lebens dahin. Bald schlossen wir Freundschaft und waren von dort an unzertrennlich und keiner von uns beiden war mehr alleine.

Von nun taten wir fast alles gemeinsam und passten auf uns auf, dass wir nicht mehr traurig werden würden. Dann haben wir uns vermählt und uns nach und nach ein Haus gebaut. Inzwischen haben wir noch Kinder bekommen und alles ging seinen gewohnten Gang und ich hätte zufrieden sein können mit meiner Situation.

Ich hätte die Hände in den Schoß legen können und zuwarten, bis meine Erinnerung langsam im Sumpf des Vergessens versänke, oder bis der Krug meines Lebens immer mehr Sprünge bekäme und irgendwann zerbräche. Es gab viele Männer meines Alters, die es nicht so gut erwischt hatten, denen es bei Weitem nicht so blendend ging wie mir, und die nicht alles hatten, so wie ich, was man zum Leben brauchte.

Und doch. Ich war immer noch rastlos, zog herum und suchte in den Abraumhalden des Alltags nach einem Sinn, von dem ich nicht einmal wusste, wie er aussah, schmeckte, roch und klang, ob er federleicht oder schwer wog. Ich dachte, so ist also das Leben, dieses Da Sein, welches angefüllt ist mit Arbeit, Essen, Schlafen, Ängste und Sorgen besänftigen. Dieses Leben, das die Elemente eingefangen und zu meinem Körper gebündelt hat. Was kann ich dir zurückgeben dafür? Was ist meine Bestimmung? Mein Leben, gib mir ein Zeichen! Das kann doch noch nicht alles gewesen sein?

Du wirst geboren, lernst laufen, sprechen, denken und deinen Darm zu kontrollieren. Dann gehst du zur Schule. Wirst in rechnen lesen und schreiben unterwiesen, dann kommst du in die Lehre, später bist du Geselle und wirst durch die Stunden, Tage und Jahre gehetzt. Vom Glauben wirst du mit der Hölle geknebelt, mit Gebeten und Litaneien gefügig gemacht. Die Hälfte deines Lohnes wird dir Monat für Monat genommen, und nichts wird einmal bleiben von dir als ein kleiner Hügel, eine einfache Trittspur auf den Sandbänken der Existenz, welche von den Gezeiten der eisernen Zeit alsbald wieder verwischt wird.

Eines Nachts, als ich nicht schlafen konnte, setze ich mich zum Tisch und dachte über mein Leben und meine Zukunft nach, und als ich so dachte, dacht ich mir, und morgen wirst du nichts mehr davon wissen, was du jetzt in dieser Stunde gedacht und gefühlt hast, wie du deine Gedanken erlebt und empfunden, gebogen und modelliert hast, wie du deine eigenen Bilder von der Welt vor deinem inneren Auge gemalt und geschaut hast. All die Geschichten und Farben werden in den Deponien der Vergangenheit und den Senkgruben des Vergessens versinken, verfaulen und verrotten und niemand wird sich je mehr daran erinnern oder auf ihren Spuren wandeln können.

Also nahm ich einen Zettel und rotzte hin, was ich soeben dachte und empfand, um es für später anzubinden, um es morgen wieder zu finden. Und siehe da, meine Gedanken wuchsen zu Wortbildern, die Bilder zu Sätzen, die Sätze verknüpften sich zu Gedichten oder verwoben sich zu Geschichten. Dann hatte ich sie zu einem Haufen aufgeschüttet, und es wurde mit der Zeit immer mehr und es ging mir immer besser und leichter von meinen Händen.

Schön langsam wuchs mein literarischer Komposthaufen in die Höhe, und die Bilder, Gedichte und Geschichten vermoderten nicht mehr, sondern sie dienten mir immer wieder als Dünger in meinem Schreibgarten. Endlich hatte ich meinen Sinn gefunden und ich war glücklich über meine Gartenwiege. Ich legte Beete für Gedichte und einige Äcker für Prosa an, darauf züchtete ich Lyriktulpen und setzte Dialektkraut und Mundartrüben. Dann pflanzte ich einen Spalier aus Märchenfichten und einen Parabelbaum, den ich von Zeit zu Zeit kräftig schüttelte, bis eine Geschichte herunterfiel.

In meinem literarischen Garten gab es auch eine feuchte Stelle, wo nur Sauergräser sprossen und die Nesseln der Satire empor wuchsen, und so gab es immer etwas zu tun, um den Wildwuchs nicht überhand nehmen zu lassen. Ich säte und erntete und mit der Zeit sprach es sich herum, dass es in meinem Garten in gewissen Abständen frische Gedichte und Geschichten gab. Bald kam Kundschaft zu mir, um sich bei meinem bescheidenen Ab Hof Verkauf mit neuen Produkten aus der Region zu versorgen.

Als ich begann, meinen literarischen Garten zu öffnen, um ihn für die Allgemeinheit zugänglich zu machen, kamen allerhand Geschöpfe aus nah und fern. Sie waren neugierig geworden, und viele gingen nicht immer fein mit einem Garten um. Sie trampelten durch die Gedichtbeete, rissen Wortzweige und Sinnknospen ab. Dann verwüsteten sie meine Prosakulturen und versuchten sogar, mein Haus zu beschmutzen. Es kamen Kasperln in meinen literarischen Garten, die über alles, was sie sahen und lasen nur kuderten und lachten und ihre dummen bis derben Späße machten. Sie zogen alles ins Lächerliche, durchfurchten meine Textstöcke und witzelten über meine Essaystauden.

Es kamen aber auch kritische Gäste, mit denen ich interessante Gespräche führte, die mir Tipps und Anregungen lieferten und die mich ehrlich auf meine Fehler aufmerksam machten. Es kamen aber auch Solche, die mir einfach nach dem Mund redeten, mich von der Arbeit abhielten und mir im Grunde nur meine Zeit stahlen.

Es besuchten mich Engeln und Feen in meinem literarischen Garten und ermutigten mich in meinem stoischen Tun. Sie sprachen mir Trost zu, wenn ich verzweifelt war. Sie richteten mich wieder auf, wenn ich niedergeschlagen war, und sie leuchteten mir nach dem Weg, wenn ich nicht mehr sah, wo ich hintrat. Und es drangen Bösewichte, giftige Schlangen und die finsteren Geister Gier, Neid und Hass in meinen literarischen Garten ein. Sie kamen des Nachts gekrochen und versteckten sich im Textkraut.

Meine Kulturen wurden von ihnen verwüstet, sie wühlten und suhlten sich in meinem Sprachbiotop und ließen kein gutes Haar an meinem literarischen Garten und mir. Sie prallten an meiner Schwelle aufeinander und zankten und keiften um den Sinn oder Unsinn meiner literarischen Flur. Sie stritten dass die Fetzen flogen. Die giftigen Schlangen spieen mich an und ringelten sich um mein Herz und versuchten mich mit dem Gift der Feindseligkeit zu infizieren.

Die drei finsteren Geister behaupteten, dieser Garten ist eine Sünde und eine Gottlosigkeit. Der Hass rief, das ist der hässlichste und abscheulichste Garten, den ich je gesehen habe. So etwas ist mir noch nie untergekommen. Der Neid geiferte, so einen struppigen Garten habe ich auch zu Hause, da ist nichts dabei, so einen simplen dämlichen Garten anzulegen, das kann ja jeder. Und weil Neid, Hass und Gier nur das Blumenbeet sehen, aber nie den Spaten, sabberte die Gier, so ein Garten, der bringt sicher viel Geld. Der Gärtner muss fürwahr ein reicher Mann sein, er braucht nur zu seinen Beeten gehen und zu ernten, das Zeug wächst ja von selber.

Und die Feen und Engeln sangen, es ist eine Tugend, so einen herrlichen Garten zu haben. Du hast die besten Humorrüben und die witzigsten Satirebüsche, und deine Rosengedichte duften so wunderbar. Lang lebe der Gärtner, sagten sie. Und noch immer ist es so und so wird es auch bleiben, viele Leute reden einfach mit, obwohl sie meine Sprache nicht verstehen.

Sie geben ihren Senf dazu, nur damit ihr Maul eine Arbeit hat, und das ist schade. Aber ich bin durch das Geschrei auf diesem Ohr taub geworden, und höre das Gezeter nicht mehr. Ich höre die Vögel zwitschern, und meine Frau singen, wenn sie durch den Garten schreitet. Unsere Kinder sind erwachsen und haben schon selber angefangen, ihren eigenen Garten zu gestalten.



joschi 2006